Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik und auch in die Kirche hat in den letzten Jahren stark abgenommen, und auch die Wissenschaft gerät immer wieder in öffentliche Kritik. Wie blickt die Kirche auf diese Entwicklung?
Wahrscheinlich gibt es für diesen Vertrauensverlust eine ganze Reihe von Gründen. Ehrlicherweise muss man sagen: Vertrauen in Staat, Wissenschaft und Kirche wird nicht nur einfach weniger, sondern es wird zum Teil auch aktiv zerstört. Die Behauptung von Unglaubwürdigkeiten, von gebrochenem Vertrauen und unhaltbaren Versprechungen ist inzwischen ein breit akzeptiertes Misstrauensmuster im Blick auf etablierte Institutionen. So glaube ich nicht, dass das nur ein automatischer Prozess ist, sondern dass er auch von bestimmten Akteuren besonders befördert wird. Dazu kommt vermutlich eine mediale Logik, in der das Negative viel stärker transportiert wird. Je mehr Fälle wir vor Augen haben, in denen etwas scheitert oder schlecht läuft, desto eher gerät Vertrauen ins Wanken. Kaum jemand schaut zuerst dankbar auf das Gelingen unseres Lebens.
Warum genau bricht Vertrauen so stark ab? Geschieht das einfach so, oder gibt es bestimmte Indikatoren und Verstärker? Ich bin da noch bei der Ursachenforschung.
Wenn man sich Umfragen anschaut, welche Berufsgruppen oder Institutionen noch Vertrauen genießen, dann sieht man: Die Kirche rutscht immer weiter nach unten, Politik steht oft noch schlechter da – und gleichzeitig gibt es Institutionen wie die Feuerwehr, Kranken- und Altenpfleger, Ärztinnen und Ärzte, Polizei, Müllmänner- und frauen, denen nach wie vor viel Vertrauen entgegengebracht wird. Die Berufsgruppen, die helfen, dass Menschen vor Bedrohungen, Feuer, Krankheit geschützt werden, haben eine hohe Akzeptanz und genießen Vertrauen. Das zeigt: Es gibt dieses Vertrauen noch, aber eben sehr selektiv.
Bei der Wissenschaft, glaube ich, hat die Covid-Pandemie einen großen Vertrauensverlust geschaffen. Natürlich gab es auch vorher schon Skepsis und schräge Gegenpositionen. Aber die massive Infragestellung wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit hat durch die Debatten in der Pandemie einen ganz anderen Schub bekommen. Das ist auch eine kommunikative Herausforderung für wissenschaftliche Erkenntnisse. Wie erhält man Vertrauen? Durch größtmögliche Transparenz. Indem offengelegt wird, was man tut und auch die Schwachstellen der eigenen Argumentation benennt. Deutlich Erkenntnisse benennt und den Weg über Argumente und Gegenargumente aufführt. Wissenschaft ist kein System absoluter Gewissheiten, sondern bleibt offen für weitere Forschungen und neue Erkenntnisse.
Man darf sich dieser Kommunikation nicht entziehen – auch dann nicht, wenn es mühsam ist. Dazu kommt für mich Anschaulichkeit. Viele Forschungsthemen sind hochspeziell. Für Fachleute sind sie selbstverständlich, für Außenstehende aber oft schwer zugänglich. Dann bleibt die Frage: Wie ist es möglich, Forschungsergebnisse so zu vermitteln, dass Menschen überhaupt einen Zugang bekommen, zu der Frage, welches Problem ist auf welchem Weg wissenschaftlich zu welchem Ergebnis gekommen?
Jeder hat, spätestens seit Covid-19, schon mal etwas über mRNA gehört. Aber was ein mRNA-Impfstoff ist, wie er funktioniert, welche Risiken er enthält oder gerade nicht enthält braucht immer wieder Aufklärung. Transparenz, Anschaulichkeit und Konkretionen sind dabei wichtig.
Bei der Kirche ist die Lage nochmal anders. Für viele Menschen ist der persönliche Glaube an Gott heute keine selbstverständliche Grundlage mehr. Was fehlt, wenn Gott fehlt? Für mich ist es nicht nur eine weltumspannende Narration, die von der Freiheit des Menschen, von seinem verantwortungsbewussten Umgang mit der Schöpfung, von einem humanistischen Verhalten der Menschen untereinander und einer barmherzigen Gottheit erzählt, die sich nicht zu schade ist, mit dem Menschen in Kontakt zu bleiben. Es ist der Glaube, der motiviert für genau diese Haltungen und Verhaltensweisen auf dieser Welt einzutreten.
Es gibt weiterhin eine große Anerkennung für wichtige Aufgaben, die man von der Kirche erwartet. Neben den vielen diakonischen Aufgaben, die Kirche ausübt, erkenne ich es oft gerade in besonderen Momenten – nach Unglücken, in Krisensituationen, in Momenten kollektiver Erschütterung. Dann merken viele Menschen: Es braucht einen Raum, eine Geste, eine Form, in der etwas aufgefangen werden kann, wofür es in der Gesellschaft sonst kaum einen Ort gibt.
Kirche kann Menschen Orientierung geben, Gemeinschaft stiften und Räume eröffnen, in denen Erfahrungen verarbeitet und Hoffnung bewahrt werden können.